Upgrade accomplished: Björn Nöltes neuer Band „Kollaboratives Lernen“

Ziemlich genau ein Jahr nach „Noten ade“ (zusammen mit Philippe Wampfler) legt Björn Nölte sein neues Werk vor. Ich möchte keines mehr verpassen. Schon der Blick ins Buch verrät, warum das so ist:

(Das Inhaltsverzeichnis, Einblicke in die Kapitel und weitere Rezensionen gewährt der Friedrich-Verlag.)

Auf ein (Vor-)Wort: Zu Band und Reihe

Björn Nöltes „Kollaboratives Lernen“ ist sozusagen und nicht umsonst das Eröffnungsspiel der Friedrichs-Verlags-Reihe „Upgrade:“, in welcher Kernthemen einer zeitgemäßen Lernkultur aufgegriffen werden. Kollaboration hört nicht mit dem Ende der Schullaufbahn auf, sie fängt vielmehr als Kern der Zukunft in Ausbildungs- und Arbeitswelt erst an (vgl. S. 10). Konsequenter Weise setzt Björn in seinen Überlegungen zu Kollaboration eben genau darauf: auf Kollaboration. Über 30 Mit-Autor:innen aus allen Phasen der Lehrer:innenaus- und Lehrer:innenweiterbildung werden dabei allein namentlich im Vorwort benannt. Steffen Siegert gehört dazu:

„Björn ist für mich ein Realitäts-Visionär. Seine Ideen zur Methodik sind gut,
sinnvoll und umsetzbar. Viele Menschen zu einem solchen Buch-Projekt
zusammenzubringen, zeigt für mich, wie real-visionär er ist.“ (Steffen Siegert)

Zum Verfasser:

Wer ist dieser real-visionäre Tausendsassa Nölte, der von seiner Arbeit behauptet, sie sei keine Arbeit, sondern sinnvolles Vergnügen (vgl. S. 7)? Ein paar Stimmen aus dem #twitterlehrerzimmer konnte ich einfangen:

Im ersten Leben Lehrer für Deutsch, Geschichte und Politik sowie Oberstufenkoordinator, von 2009 bis 2016 Fach- und Hauptseminarleiter am Studienseminar Potsdam, heute Schulrat der Evangelischen Schulstiftung in der EKBO (Berlin/Brandenburg). Er ist außerdem Gründungsmitglied im Institut für zeitgemäße Prüfungskultur, das Funktionen von Prüfungen hinterfragt, Beispiele einer angemessenen und lernförderlichen Prüfungskultur anbietet und im Community-Bereich zum Austausch einlädt.

Dass ein solcher Austausch offensichtlich nötig ist, wird dieser Tage offensichtlicher denn je: Die KMK zementiert in ihren Überlegungen zur Abiturreform das Althergebrachte. Überlegungen zur Zukunftsfähigkeit des Abiturs wie in der Potsdamer Erklärung werden einfach ignoriert. Wo sind die Strategie und vor allem die ergänzende Empfehlung zur Strategie „Bildung in der digitalen Welt“ (KMK vom 09.12.2021) hin?

Schummeln, Pfuschen, Einzelleistung - ist die herrschende Prüfungskultur einfach nicht ins 21. Jahrhundert zu bringen, obwohl niemand mehr ernsthaft daran zweifeln kann, dass das Einzelkämpferdasein in einer transformierten Welt ohne Zukunft bleibt?

Björns Buch und die vielen Beispielgeber:innen darin sind also nötiger denn je, weil sie Bewusstsein schaffen, Mut machen und Unterstützung bieten, den ersten Schritt zu gehen. Schritte in Richtung Unterrichts- und Schulentwicklung und eben auch in Richtung Prüfungskultur.

Blick ins Buch:

In elf Kapiteln und auf knapp 160 Seiten klärt Björn,

  • was Kooperation und Kollaboration im schulischen und auch im digitalen Bereich unterscheidet (Kapitel 1)

  • wie der kollaborative Ansatz Schule und Unterricht verändert (Kapitel 2). Wie sich Rollenverantwortlichkeiten vom kooperativen Ansatz (zum Beispiel Norm und Kathy Green sowie Brüning/Saum und Huber) zum kollaborativen Ansatz verändern und welche Chancen und Gefahren damit einhergehen, dass außerdem das Lernen und Arbeiten in einer Kultur der Digitalität neue Möglichkeitsräume schafft und wie kollaborative Formen in Lerngruppen eingeführt und etabliert werden können, stellt Björn hier praxisnah vor.

  • dass Kollaboration Teil des 4K-Modells ist und wie 4K im Unterricht über Mini-Projekte angebahnt werden können (Kapitel 3).

  • wie Kollaboration in der Praxis umzusetzen ist und was für Raumveränderungen, Impulse sowie Kollaborationsanwendungen möglich sind (Kapitel 4). Dieses besonders umfangreiche Kapitel umfasst zahlreiche Praxisbeispiele und beantwortet damit auch die einleitenden Frage, „wie wir kollaboratives Lernen so organisieren können, dass daraus kollaborative Leistung wird“ (S. 8).

  • dass die sorgfältige Diagnose der Lernausgangslage wesentlich für den kommenden Prozess ist (Kapitel 5). Allerhand Hilfematerial zum sofortigen Einsatz und vor allem zur gemeinsamen Reflexion mit der Lerngruppe stehen hier zur Verfügung.

  • wie (und dass) kollaborative Prozesse und Leistungen zu bewerten sind (Kapitel 6). Dass solche Überlegungen vor allem im Zusammenhang mit Klassenarbeiten und Klausuren ein Stechen ins Wespennest sein können, zeigen Diskussionen und Kommentare auf Twitter zu Hauf.

  • am Beispiel der École 42 in Paris, 42 Wolfsburg und der School of Design Thinking in Potsdam, wie sich kollaborative Qualität durchsetzen kann (Kapitel 7).

  • den Beitrag der Beziehungsarbeit für das erfolgreiche kollaborative Arbeiten (Kapitel 8). Besonders die Statuslehre von Maike Plath lädt hier dazu ein, darüber nachzudenken, wie wir diese zur Selbstreflexion der Schüler:innen einsetzen können und wie dadurch Beziehungsstrukturen in den Lerngruppen verbessert werden können.

  • den konsequenten nächsten Schritt: Wenn mit Schüler:innen kollaborativ gearbeitet werden soll, dann sollte dieses Prinzip auch für das Kollegium und die Schulgemeinschaft gelten. Interessante Perspektiven bietet er in Kapitel 9.

  • zusammen mit Ines Bieler, Jan Marenbach und Tim Kantereit den Beitrag des kollaborativen Arbeitens in der Ausbildung zum Lehramt (Kapitel 10).

  • in einem Fazit, womit sofort und ohne viel Vorbereitungszeit begonnen werden kann (Kapitel 11).

Im Schnelldurchlauf können die Zusammenfassungen am Ende eines Kapitels genutzt werden. QR-Codes zu Podcasts, Diskussionen im #Twitterlehrerzimmer oder Unterrichtsbeispiele etc. runden das Heft ebenso ab wie der großzügige Download-Bereich. Die angebotenen Anwendungen zielen u.a. auf die Vorbereitung des Arbeitsprozesses (zum Beispiel zur Diagnose oder Vorbereitung der Lernumgebung und mögliche Zusammensetzung der Teams) sowie auf die eigentliche Durchführung (kollaboratives Schreiben, Argumentieren, Gestalten, Problemlösen etc.).

Mein Ausblick: Lehrer:innenausbildung

Vor allem Kapitel 10 und die Perspektiven Ines‘, Jans und Tims sowie die abschließenden aufgestellten Thesen zur Prüfungsvorbereitung für Studierende und Referendar:innen (S. 154) zeigen deutlich, dass Haltungsfragen im bestehenden System Bremsklötze sind. Mit ähnlichen Interviewfragen möchte ich gern Teile der Evaluation im jetzigen Fachseminar durchführen.

Und Tanker kann man eben doch bewegen.  

Herzlichen Dank, Björn.

Weiterführendes (letzter Zugriff jeweils am 18.03.2023)

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